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Lager für Arbeit und Erholung

Dass man im fortgeschrittenen Alter derart weit neben dem Realen liegen kann, gibt mir ernsthaft zu denken. Oder, wie man aus geplanten drei prall gefüllte zehn Wochen machen kann.

Pandemiebedingte Verzögerungen von etwa zwei Monaten verhalfen uns zu entspannten Fristen für die Ordnung unserer Dinge und Angelegenheiten und ausgiebigem Abschiednehmen von Freunden und Familie. Letztendlich fügte es sich auch noch glücklich und wir konnten Peter – gewissermaßen als Autopiloten – für die Rückführung des Umzugswagens finden und gewinnen. Ende Juli haben wir endgültig Ernst gemacht, einen der Müntz-Firmentransporter bis unters Hochdach mit Umzugsgut und Bootsequipment vollgestopft und uns drei und die Fuhre Hab und Gut nach Premia de Mar, der vorübergehenden Heimat unseres Bootes, also unseres neuen Heimes, gebracht. Schon während des Verladens waren uns Zweifel gekommen, wo wir den ganzen Kram auf einem Boot von knapp 15 m Länge, dessen Stauräume naturgemäß sehr begrenzt und eigentlich schon komplett gefüllt waren, noch unterbringen sollten. Wider Erwarten ist es uns jedoch gelungen, und obendrein fand sich für unseren wackeren Helfer Peter eine komfortable Koje im Vorschiff.

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Nun nahm das Terminchaos erst recht seinen Lauf. Oder es setzte sich fort, unter erschwerten Bedingungen. Aus höchstens drei Wochen für die Erledigung der geplanten Umbauarbeiten und Erneuerungen bis zum Aufbruch ins „Bordleben“ wurden zehn! Recht naiv hatten wir die Rechnung weder mit dem Temperament katalanischer Handwerker, dem Langmut spanischer Lieferanten und dem ohnehin üblichen total-lockdown im zentralen Urlaubsmonat August gemacht.

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Außerdem hatten wir wohl vergessen, oder verdrängt, dass es sich bei den anstehenden Arbeiten im umfänglichen Sinne um Arbeiten an einem BOOT handelt, was so viel heißt, wie: es dauert alles doppelt so lange; man kommt nirgendwo ohne Probleme, ohne artistische Verrenkungen unter Zuhilfenahme dritter Hände und ohne aufwändiger Demontagen diverser Verkleidungen oder Bauteile ran. Hat man tatsächlich ein Problem erfolgreich gelöst kann man sich sicher sein, zwei neue Baustellen eröffnet zu haben. Tore, unser „mastermind in finding and solving technical problems“, ohne dessen Kenntnisse und technische Begabungen wir sechs Wochen länger gebraucht hätten, kommentiert diese Tatsache lächelnd, und zuverlässig wiederholend, mit: „a boat is a boat is a boat“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Dank Tores Beziehungen haben wir auch kurzfristig einen Termin zum Auskranen zwecks „Unterwasserarbeiten“ in der Werft im benachbarten Badalona ergattert.

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Für die Werftzeit hatten wir uns aus örtlich und thematisch naheliegenden Gründen ein „Bootshotel“ gemietet. Die Luxusyacht entpuppte sich als sieben-Meter-Schiffchen, in dessen Kajütchen ich nicht aufrecht sitzen konnte und dessen Luftraum überm Bettchen das Aufstellen der Knie unmöglich machte. Abendliche Flüssigkeitsaufnahme versagten wir uns, um uns die einem Toilettengang notwendiger Weise vorausgehenden Verrenkungen und akrobatischen Einlagen zu ersparen. Auch der Aufstieg auf den sich unter meinem Lebendgewicht erheblich neigenden Bug war nur nüchtern zu verantworten. Mit seemännischem (Galgen-) Humor gelang es uns halbwegs, unsere Verärgerung über das dreiste booking-Angebot in Grenzen zu halten. Toilette und Dusche gabs gottseidank im Hafen, als Kochgelegenheit waren die Speisekarten umliegender gastronomischer Einrichtungen gemeint.

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Nach nur vier Tagen und drei Nächten!) lagen wir wieder im Heimathafen, unten herum runderneuert, d.h., Unterwasserschiff geschliffen, Antifouling gestrichen, mit perfekt gewarteten Propellern und, wenn schon, denn schon, mit erneuerter Wellendichtung.

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Zu den größeren ungeplanten Tätigkeiten gehörte die Reparatur des Diesel-Generators, dem die Untätigkeit in den letzten Jahren offenbar weit mehr geschadet als ihn geschont hat, erforderte nochmals einige Ersatzteillieferungen aus der Heimat, was unsere Liegezeit in Premia noch ein wenig streckte. Weit mehr Geduld als beim Warten auf die Teile benötigt man allerdings bei den Arbeiten an diesem technischen Wunderwerk. Deutsche Ingenieurskunst gipfelt hier offensichtlich darin, das Aggregat so kompakt wie möglich zu konstruieren. Dieses Bestreben verflucht man ungezügelt bei den Kopf-über-Arbeiten tief drin in der verbauten Kiste im Minutentakt.

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Mittlerweile sind die Schrunden an sämtlichen Fingerknöcheln fast vollständig verheilt. Die Unterarme zieren Kratzspuren wie nach unfreiwilliger Begegnung mit einem Grizzly. Aber die Freude über den nun surrenden Stromlieferanten hat die Zornesfalten auf unseren Stirnen längst geglättet.  Darüber hinaus kamen die Verzögerungen unseres Aufbruchs Andreas, dem Segelmacher unseres Vertrauens, den wir ausgiebig mit diversen Aufträgen weit übers „Segel machen“ hinaus eingedeckt hatten, sehr entgegen.

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Um es kurz zu machen: für Leute, die wirklich interessiert was wir in den zehn Wochen in Premia getrieben haben hängt eine abgearbeitete To-Do-List an.

Darüber hinaus haben wir viel geschwitzt, nicht nur von der Arbeit, waren ausgiebig in herrlichstem Wasser schwimmen, haben außer dem Wasser auch Wein genossen und uns an den typischen kulinarischen Köstlichkeiten des Mittelmeers erfreut.

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Das Wetter ist immer noch schön. Wir sind noch im Arbeitsmodus und der morgige Aufbruch fühlt sich lediglich nach Urlaubsbeginn an. Die erwartbare Aufregung des Startes in ein neues Leben stellt sich noch nicht ein. Aber immerhin wir starten mit dem beruhigenden Gefühl, diese wankenden 30 qm überbaute Planken bestmöglich für unser künftiges Leben präpariert zu haben.

Endlich: Leinen los. Vor uns liegen 24 Stunden nach Menorca, der östlichen Balearen-Insel, der ersten Etappe unseres Nomadenlebens. Zauberhafte Ankerbuchten und idyllische Städtchen warten auf uns.

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Madrugada Reparaturen / Neuerungen:

  • Neuer Raymarine-Plotter im Cockpit
  • 35 kg – Ultra-Anker neu
  • 90 m Cromox-Edelstahlkette neu
  • Handfernbedienung für Ankerwinsch zusätzlich
  • Ankersicherung für neuen Anker neu
  • Service Maschine und Generator
  • Massiver Geräteträger auf Heckkörben neu
  • 4 x 110 W Solarpaneele, 2 Laderegler, Anzeigen, neu
  • Feste Reling im Cockpitbereich
  • Erhöhung der Reling auf 75 cm, 3 Durchzüge, Dyneema
  • Neue Genua 76 qm
  • Hochsetzen Großbaum um 15 cm
  • Festes Kutterstag mit Furler, fester Decksbeschlag
  • Entspr. Änderungen vorhand. Großsegel und Kuttersegel
  • Reparatur und Umarbeitung Lazyjack
  • 2 Edelstahl-Decks-Mastkörbe
  • Alle Seeventile geprüft und gewartet
  • Reparatur Generator: neue Wasserpumpe, neuer Auspuff, neue Schläuche und Fittings
  • Erneuerung Wassersammler und Auspuffschlauch
  • Erneuern Unterwasseranstrich 2,5fach
  • Propeller und Bugschrauben überarbeitet, gewartet
  • Erneuerung Anoden
  • Erneuerung Wellenlager
  • 5 zusätzliche 230V-Steckdosen im Salon
  • Verlegung Hecklicht auf Geräteträger
  • Horn auf Geräteträger installiert
  • Heck-Arbeitslicht auf Geräteträger installiert
  • Deckslicht und Arbeitslicht vom Cockpit bedienbar
  • Wasserdichte USB-Steckdosen im Cockpit
  • Neue Sprayhood, Bimini, Kuchenbude
  • Sonnensegel übers gesamte Schiff, mit Seitenteilen
  • Cockpit-Polster erneuert
  • WC für Achterkabine erneuert
  • 2 zusätzliche Griffe am Heck
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